Interview mit Nina zur Europameisterschaft
Vom 18.06.-21.06. hat unsere Spielerin Nina Schell an der Europameisterschaft in Lorca (Spanien) teilgenommen. In den Disziplinen Damen Doublette sowie Tête á Tête feminin ist sie dabei für den Deutschen Pétanque Verband angetreten und konnte im Tête sogar eine Bronzemedaille mit nach Hause bringen – ein tolles Ergebnis nicht nur für sie persönlich, sondern auch für den deutschen Petanquesport, der damit mal wieder seine Konkurrenzfähigkeit auf internationaler Ebene unter Beweis stellen konnte.
Seither sind ein paar Wochen vergangen und Nina hatte die Chance, das Erlebte einmal sacken zu lassen und sich so richtig zu freuen. Frisch erholt hat sie uns daher diese Woche ein paar Fragen zur EM und ihrer Erfahrung dort beantwortet.

Interview vom 21.07.2026
Hi Nina, mittlerweile bist du ja schon wieder ein bisschen zurück. Wie waren die ersten Tage nach der EM für dich?
Nina: Die Tage danach waren irgendwie ein bisschen surreal und wie benebelt. Man realisiert einerseits gar nicht wirklich, was da grade passiert ist und dass es auch schon wieder vorbei ist, auch weil hier ja das ganz normale Leben weitergeht: Ich musste zum Beispiel direkt am Tag nach meiner Rückkehr auch wieder arbeiten gehen, da interessiert es nur sehr bedingt Leute, dass ich gerade eine Europameisterschaft gespielt habe. Andererseits kommen natürlich auch ganz viele Glückwünsche und Nachrichten von Menschen, die mitgefiebert haben und die einen da weiter in dieser EM-Bubble halten. Das ist schon ein wirklich komisches Gefühl und währenddessen auch irgendwie nur schwer zu fassen oder zu beschreiben.
Wie blickst du mittlerweile auf die EM zurück? Bist du zufrieden mit deiner Leistung?
Nina: Ich bin sehr zufrieden. Es war letztes Jahr schon mein Ziel, mindestens eine Bronzemedaille nach Hause zu holen.
Deshalb bin ich insgesamt wirklich zufrieden mit meiner Leistung. An der ein oder anderen Stelle war ich mit meinem Schuss noch nicht ganz happy, dafür hat das Legen aber wirklich gut geklappt, obwohl das sonst manchmal nicht so mein Favorit ist.
Wie sah deine Vorbereitung auf die EM konkret aus? Hast du anders trainiert als sonst oder dich irgendwie speziell vorbereitet?
Nina: Wir haben fast 2 Monate vor der EM einen Trainingsplan von unserer Trainerin bekommen, der individuell an jede Spielerin angepasst war. Da waren verschiedene Lege- und Schussübungen, sowie kleine mentale Übungen dabei. Während des regulären Trainings, habe ich darauf geachtet, viele Têtes und Doubletten zu spielen und wenn möglich auch immer zu schießen.
Ungefähr zwei Wochen davor habe ich mir alte Livestreams von der Tête/Doublette/Doublette Mixte EM von vor zwei Jahren angeschaut, um ein Gefühl dafür zu bekommen, wie es ist, in einer großen Halle zu spielen.
Welches Spiel hat dir rückblickend am meisten Spaß gemacht und welches hat dich am meisten gefordert und warum?
Nina: Das Spiel, was mir am meisten Spaß gemacht hat, war das 1. Vorrundenspiel im Doublette gegen Guernsey. Celine und ich hatten ein supernetten Gegner, gute Laune und einfach insgesamt viel Spaß. Das war wirklich ein super Start in das Turnier.
Am schwierigsten war für mich das 5. Vorrundenspiel im Doublette gegen die Schweiz. Wir hatten beide 8-9 Spiele jeweils in den Knochen und haben versucht, gegen stark aufspielende und sehr erfahrene Schweizerinnen mitzuhalten. Das war nicht nur für den Körper sehr anstrengend, sondern auch mental eine echte Herausforderung.
Du hast ja im vergangenen Jahr auch schon einmal bei der WM spielen dürfen. Inwiefern war die EM noch mal eine andere Erfahrung?
Nina: Mal davon abgesehen, dass es dieses Mal eine verlässliche Organisation, eine Halle, tolle sanitären Anlagen und essbares Essen gab, war auch die Atmosphäre ein andere. Dieses Mal konnte man es wirklich genießen und sich auf das Spielen konzentrieren.
Ich konnte diese EM, nicht nur wegen des guten Ergebnisses, als positive Erfahrung abstempeln, sondern auch, weil ich in jedem Spiel viel dazugelernt habe. In Spielen, in denen ich letztes Mal noch vielleicht nervös war, war ich jetzt entspannt und konnte auch öfters das zeigen, was ich eigentlich kann.
Wie unterscheidet sich eine EM (oder auch WM) von einem nationalen Turnier?
Nina: Das ist tatsächlich wirklich ein riesen Unterschied!
Nicht nur, dass du in einer anderen Umgebung bist, mit Menschen, die nicht deine Sprache können, sondern auch die Atmosphäre auf so einem Turnier ist eine ganz andere. Wenn man selbst nie sowas gespielt hat, ist es schwer zu begreifen, weil „es ist ja überall das Gleiche“ (oft genug gehört). Es ist es nicht das Gleiche.
Man steht da auf einem Feld mit Welt- und Europameistern, mit Leuten, die alle die Besten ihres Landes sind. Die alle so viel dafür getan haben, hier zu sein und sich zu zeigen. Die teilweise das ganze selbst finanziert und organisiert haben.
Man spürt die leichte durchgehende Anspannung in der Halle. Jeder weiß, wie wichtig das ist, nicht nur für sich selbst, sondern auch für ihr Land. Aber diese durchgehende Anspannung ist auch das, was dieses Turnier so entspannend macht. Allgemein hat man auf einer EM/WM einen anderen Druck. Den Druck, den man sich selbst macht und den Druck, den das Land einem mitgibt. Man weiß, dass man das ernster als jedes Turnier in Deutschland nehmen muss. Man vertritt nicht nur sich selbst, sondern ein Land, einen Verband und eine große Gruppe an Menschen, die einen unterstützen und vertrauen.
Man lernt neue Leute kennen und bildet Freundschaften. Es werden gemeinsame Erinnerungen mit Menschen, die so weit weg wohnen, geschaffen. Man unterhält, lacht und spielt mit Menschen, die die gleiche Liebe zu einem Sport haben.
Ist es leichter oder schwerer, wenn man gegen die Gegnerin zuvor schon einmal gespielt hat?
Nina: Normalerweise mag ich es gerne, gegen neue Gegner zu spielen. Im Achtelfinale beim Tête gegen Italien war es für mich aber zum Beispiel ein großer Vorteil, dass ich die Italienerin in der Vorrunde bereits in einem Spiel hatte, weil ich bereits wusste, auf welche Distanz und mit welchem Schnitt sie gerne spielt. So konnte ich mein Spiel anpassen und hatte bereits eine Strategie gegen sie. Das hat mir auch mental eine gewisse Sicherheit gegeben.
Ab wann fängt es dann an, auch körperlich anstrengend zu werden?
Nina: Für mich waren es immer 5 Spiele pro Tag (in der Vorrunde) und gerade gegen Abend wurde es wirklich sehr anstrengend. Ein Moment, an den ich mich gut erinnern kann, war der Freitag. Da wurde der Zeitplan einfach geändert, sodass ich drei Spiele hintereinander hatte. Danach lag ich außerhalb der Halle erstmal eine Weile im Schatten auf dem Boden und konnte mit nicht mehr bewegen. Das ist ja dann auch immer eine Kombination aus mental und körperlich anstrengend. Sich stundenlang zu konzentrieren und immer wieder in den Fokus zu kommen bzw. im Fokus zu bleiben ist einfach eine Herausforderung.
Wie bereitest du dich mental auf ein schwieriges Spiel vor?
Nina: Ich versuche, nichts an meiner Routine zu ändern und vorab das gleiche zu tun, wie sonst auch.
Eine Kleinigkeit, die ich mir selbst antrainiert habe, ist ein kleiner „Reset“ vor oder während dem Spiel, wenn es mal nicht gut laufen sollte:
Ich habe die Monate vor der EM genutzt, in jedem Spiel, bei dem ich gut drauf war und mich wohlgefühlt habe (auch mit meinen Partnern) Daumen und Zeigefinger meiner linken Hand zusammenzudrücken. So hat mein Körper diese Bewegung gespeichert und mit etwas Angenehmem und Schönem verbunden. Wenn ich diese Bewegung also im Spiel mache, entspannen sich direkt meine Schultern, mein Puls geht runter und ich kann wieder freier atmen.
Wie gehst du mit einer Niederlange im Turnier um?
Nina: Eigentlich geh ich ganz gut mit Niederlagen um, bzw. kann sie relativ schnell abhaken. „Nur weil man ein Spiel verliert, geht die Welt nicht unter“ und „Es ist nur Boule“ sind so meine Standard-Gedanken. Natürlich ärgere ich mich manchmal auch über mich selbst oder bin kurz schlecht drauf, aber auch das ist eine Frage der Erfahrung und Routine, sich davon nicht zu sehr irritieren zu lassen und sich direkt wieder auf das nächste Spiel fokussieren zu können.
Hast du Rituale oder Routinen vor dem Spiel?
Nina: Ich habe immer meine EM-Playlist gehört und an meine Mannschaft und Familie daheim gedacht und was die jetzt wohl machen.
Im Spiel selbst, gerade beim Tête, habe ich immer eins der Lieder aus der Playlist im Ohr gehabt oder teilweise auch leise gesummt.
Bestimmte Dinge hat Lara vor dem Spiel gemacht und ich andere. Es war uns beiden wichtig, die Abläufe nicht zu verändern und alles zu lassen wie es war und wie es funktioniert hatte.
Was muss denn drauf, auf die Fokus-Playlist?
Nina: Ich hatte mir vor der EM eine Playlist gemacht mit Liedern, die mich in eine selbstbewusste Stimmung gebracht haben. Die Lieder sind vielleicht nicht jedermanns Geschmack, aber mir haben sie immer geholfen runterzukommen und eine gewisse innere Sicherheit zu haben.
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Hattest du Glücksbringer /Talismane dabei?
Nina: Ich habe vor der EM ein kleine Glücksbringer-Gurke von einer Mega guten Freundin und Mannschaftskameradin bekommen . Zudem habe ich bei internationalen Turnieren immer ein Foto von meiner Mannschaft und drei Fotos von Freunden in meiner Handyhülle oder in der Tasche.
Gegen wen würdest du gerne mal eine Runde zocken?
Nina: Ich habe nicht wirklich jemanden, gegen den ich gerne mal zocken möchte. Es gibt viele gegen die ich gerne ein Tête spiele, wie zum Beispiel Bea und Johannes aus meiner Mannschaft oder Sascha Koch (Herrenbundestrainer).
Wie sieht dein Tag während des Turniers aus? Wie erholst du dich abends und bereitest dich auf den nächsten Tag vor?
Nina: Am Morgen brauch ich immer erst 5 Minuten, um mich an die Begebenheiten vor Ort anzupassen. Dann spiel ich mich meist alleine ein, mit Musik auf den Ohren. Danach setz ich mich irgendwohin und ruhe mich kurz aus, um nach 10min wieder ein paar Kugeln zu werfen. Zwischen den Spielen auf der EM habe ich mich entweder in eine Ecke mit Kopfhörern gesetzt oder dem Mixte zugeschaut. Wichtig dabei war es, immer aus den Schuhen rauszukommen und die Füße zu entspannen. Ein bisschen gesnackt (Riegel & Bananen) wurde zwischen den Spielen auch.
Nach den Spielen abends passiert meist nicht mehr viel. Nach einer Dusche wird kurz auf Instagram bisschen gescrollt oder mit meinen Freunden und Mannschaftskollegen geschrieben.
Ganz wichtig ist es, genügend zu schlafen, um am nächsten Tag ausgeruht wieder auf dem Platz zu stehen.
Jetzt dann erst mal Boule-Pause oder was steht als nächstes auf dem Programm?
Nina: Haha ne, an eine Pause ist grade nicht zu denken: Wir sind ja noch mitten in der Liga-Saison, da steht jetzt noch ein wichtiger letzter Spieltag an. Auch die meisten Deutschen Meisterschaften bzw. Qualis kommen ja noch, die werde ich auch voraussichtlich alle spielen, und im Herbst haben wir in Stuttgart noch unser großes Schlossplatzturnier, das ist auch einfach immer ein toller Abschluss der Sommersaison…
Danke für deine Antworten!
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